NVIDIAs Erfolgsgeheimnis

NVIDIA zählt seit einiger Zeit zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Vor wenigen Wochen hatte der Chiphersteller sich sogar an Apple und Microsoft vorbeigedrängt und war zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufgestiegen. Mittlerweile rangiert er wieder auf Rang 3 der Bestenliste. Doch was ist NVIDIAs Erfolgsgeheimnis? Wie hat es der heutige Chip-Riese an die Weltspitze geschafft?
Vom Chiplieferanten für Videospiele zum Weltstar
Noch vor wenigen Jahren war NVIDIA als Chiphersteller nur Videospielern, Bitcoin-Minern, Technik-Enthusiasten und anderen Insidern ein Begriff. Doch mittlerweile ist der Shootingstar deutlich bekannter. NVIDIA wurde vor 31 Jahren gegründet und legte dank des KI-Hypes einen kometenhaften Aufstieg hin.
In 2023 erzielte NVIDIA einen Umsatz von rund 27 Milliarden US-Dollar. Das alleine klingt schon imposant, aber richtig bemerkenswert daran ist, dass das Unternehmen mehr als die Hälfte davon in Gewinn umwandeln konnte: Der Nettogewinn betrug rund 15 Milliarden US-Dollar. Man könnte auch sagen, dass jeder einzelne der knapp 30.000 Mitarbeiter einen Gewinn von einer Million US-Dollar beisteuerte. Diese Quote ist selbst im erfolgsverwöhnten Silicon Valley unfassbar hoch.
Jensen Huang wusste es schon lange
Der Gründer und CEO von NVIDIA, Jensen Huang, war immer von NVIDIAs Potenzial überzeugt. Immer und immer wieder erklärte er, dass NVIDIAs Grafikprozessoren Informationen parallel verarbeiten können, was sie perfekt für Hochleistungsrechner macht. 20 Jahre lang musste er sich Argumente anhören, warum das ein Trugschluss sei, aber er blieb bei seiner Vision. Er besaß die Technologie und irgendwann gesellte sich dann die Anwendungsmöglichkeit dazu. Jetzt kann er feiern und alle früheren Besserwisser haben heute das Nachsehen.
Die aktuellen Erfolge verdankt NVIDIA sieben elementaren Faktoren, die das Unternehmen jahrelang beherzigte:
1. Fokus auf das Produkt
Der Erfolg von NVIDIA basiert auf seinen Chips und Grafikkarten. Einer der bekanntesten ist der Geforce, der viele Videospiele steuert. Mit der Zeit folgten Chips für Autos, Serverkarten für Supercomputer und schließlich der H100, der Grafikchip, der eine Schlüsselrolle in der KI-Revolution innehat.
Führungskräfte bei NVIDIA müssen technisch versiert sein, damit sie effektive Entscheidungen treffen können. Deshalb besteht die Führungsriege bei NVIDIA aus Ingenieuren und nicht aus Betriebswirten.
CEO Huang beispielsweise ist Elektroingenieur. Mit großer Leidenschaft widmet sich der Visionär der Technik seiner Produkte. Der Konzern bleibt somit fokussiert und verzettelt sich nicht.
Der Manager war von Anfang an davon überzeugt, dass seine Grafikchips (GPUs) die besseren Prozessoren sind. Dieser Fokus auf ein Kernprodukt zahlt sich jetzt aus. Als der KI-Hype begann, war Huang mit seinen GPUs bereit. Seine Produkte waren startklar, um die großen Sprachmodelle der ersten Stunde zu trainieren. War es Planung? Oder Glück? Wahrscheinlich beides.
2. Fokus auf das Kerngeschäft
Eine weitere Zutat für NVIDIAs Erfolgsgeheimnis ist, dass der Chiphersteller nicht alles selbst macht. Er fungiert vielmehr als zentrale Schaltstelle. Die Hauptprozessoren im Perlmutter-Supercomputer stammen vom Konkurrenten AMD, die in anderen Hochleistungsrechnern von Intel. Nur die Grafikprozessoren, dank derer Durchbrüche in der theoretischen Physik, bei Klimasimulationen und in der Entwicklung von KI erst möglich sind, kommen von NVIDIA. In 75 Prozent der 500 schnellsten Computer der Welt sind genau diese GPUs im Einsatz. Diese Strategie erfordert aber gleichzeitig eine geschickte Balance zwischen Wettbewerb und Partnerschaft.
NVIDIA baut ganz bewusst keine eigenen Rechenzentren. Die vorhandenen eigenen Rechenzentren dienen lediglich dem internen Gebrauch. Diese Lücke können andere Player diese Lücke besetzen.
So manches renommierte Unternehmen, zum Beispiel HP, arbeitet seit zwei Jahrzehnten mit NVIDIA zusammen. Sie sind nicht nur Käufer der Grafikchips. NVIDIA weiß, dass Partner mit eigenem geistigen Eigentum wichtig sind, wenn es einen breiten Markt bedienen will.
Die bewusste Beschränkung, das Weglassen, ist Teil der besonderen Unternehmensstrategie, die Jensen Huang verfolgt. Ein Credo des Gründers lautet: „Bei einer guten Unternehmensstrategie geht es stets auch darum, was man aufgibt, denn wer nichts wegfallen lässt, hat keine Strategie, sondern ein Wunschkonzert.“
3. CEO ist Markenbotschafter
Huang sagt von sich selbst, dass er nicht gerne vor vielen Menschen spricht. Dennoch brilliert er im Rampenlicht. In der Chipbranche ist der Elektroingenieur, der gelegentlich fast wie ein Popstar gefeiert wird, definitiv eine Ausnahmeerscheinung.
Auch auf geschäftlicher Ebene scheint Huang nur Freunde zu haben. Wenn NVIDIA eine wichtige Ankündigung macht, sind sämtliche Tech-CEOs mit Zitaten zur Stelle. Selbst Deutsche Topmanager wie Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius freuen sich besonders, wenn Huang zu Besuch kommt. Huang bezeichnet ihn und auch viele andere Vorstandschefs als „gute Freunde“. Seine elektrisierende Persönlichkeit kommt einfach überall gut an.
4. In Null-Milliarden-Dollar-Märkte investieren
NVIDIA gibt sich nie mit dem Status Quo zufrieden. Es sucht immer den nächsten Zukunftsmarkt und schafft seine eigenen Märkte, die nächsten Null-Milliarden-Dollar-Geschäfte, wie Huang sie nennt.
So hat der Chip-Riese beispielsweise bereits 2016 das Omniverse erfunden, also lange bevor Meta vom Metaverse sprach. Anfangs wusste natürlich niemand, was damit gemeint ist. Also suchte NVIDIA den Kontakt zu möglichen Partnern und erklärte die Details.
Das Omniverse ist die virtuelle Realität von NVIDIA. Würde man zum Beispiel in der realen Welt eine neue Autofabrik bauen, kostet das Milliarden. Jede nachträgliche Änderung verschlingt weitere Unsummen. Würde man alles aber vorher im Omniverse simulieren, lässt sich das tatsächliche Projekt in der realen Welt deutlich günstiger umsetzen.
Bei aller Liebe zur Erschließung neuer Märkte vernachlässigt NVIDIA nie sein Kerngeschäft. So sind für das Omniverse die eigenen Grafikkarten entscheidend, schließlich erfordern die Simulationen von Fabriken, Schiffen oder Kraftwerken eine immense Rechenleistung. Omniverse-Chef Rev Lebaredian sieht im Omniverse einen gigantischen Zukunftsmarkt. Und er hat auch schon den nächsten im Visier. Einen, der heute noch überschaubar ist, aber schon bald riesig sein wird: die Robotik.
5. Informationsfamilie statt Herrschaftswissen
Wer mit den Mitarbeitern in der Weltzentrale in Santa Clara spricht, stellt schnell fest, dass wirklich jeder seinen Job zu lieben scheint. Das dürfte mit an der großen psychologischen Sicherheit liegen. Während andere Tech-Giganten 2023 mit massiven Entlassungswellen konfrontiert waren, blieb NVIDIA davon verschont. Ein großer Teil des Personals gehört bereits seit Jahrzehnten zum Unternehmen. Mitarbeiterzufriedenheit ist ein essenzielles Element von NVIDIAs Erfolgsgeheimnis.
Und auch finanziell kümmert sich NVIDIA gut um seine Mitarbeiter. Laut einer Umfrage, die kürzlich auf der Plattform „Blind“ durchgeführt wurde, besitzen gut 36 Prozent der NVIDIA-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter ein Vermögen von mehr als 20 Millionen US-Dollar. Weitere 39 Prozent verfügen über ein Vermögen von mindestens einer Million US-Dollar. Das bedeutet, dass gut 75 Prozent, also mehr als drei Viertel der Mitarbeiter Millionäre sind. Zu verdanken haben sie diesen Umstand den großzügigen Aktienoptionen und dem starken Kursanstieg der Unternehmenstitel. Sogar Praktikanten dürfen sich bei NVIDIA über Zuwendung in Form von Aktien freuen.
Diese finanzielle Sicherheit und eine offene Unternehmenskultur motivieren immens. Jeder bei NVIDIA brennt für seine Arbeit, bestätigen auch die Mitarbeiter. „Jensen behandelt uns alle wie eine große Familie.“ Der NVIDIA CEO setzt auf Transparenz und vermeidet abgeschottete Teams. Statt sich nur mit wenigen ausgewählten Führungskräften zu beraten, trifft er sich mit seinen 60 direkt berichtenden Managern regelmäßig in größeren Runden.
Die Ansprüche des Unternehmers sind dennoch hoch. Aber mit seiner Art, seine Erwartungen zu kommunizieren, schafft er es, alle Mitarbeiter mit seiner Vision anzustecken und zu Höchstleistungen zu motivieren.
6. Nachwuchsförderung
Huang ist der „dienstälteste Tech-CEO der Welt“. In einer Rede an der US-Universität Caltech erklärte er, dass er es 31 Jahre lang geschafft habe, nicht pleite zu gehen, sich nicht zu langweilen und nicht gefeuert zu werden. Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: „Ich möchte euch sagen, dass NVIDIA ein wirklich großartiges Unternehmen ist, dass ich ein sehr netter Chef bin, der von allen geliebt wird, und dass ihr bei NVIDIA arbeiten solltet“, was bei den Studierenden für Gelächter sorgte.
Nachwuchsförderung ist bei NVIDIA tatsächlich Chefsache. Im Mittelpunkt steht dabei das 2016 gestartete Start-up-Programm „Inception“. Zwar investiert NVIDIA nicht direkt in Start-ups, aber sie bekommen vom Chiphersteller Unterstützung, damit sie NVIDIAs Technologien und Grafikprozessoren verstehen, und sie erhalten wichtige Kontakte zu Risikokapitalgebern.
7. Unter dem Radar fliegen
Lange Jahre war NVIDIA richtig gut darin, unter dem Radar zu bleiben. So waren Jahreskonferenzen früher hochtechnische Treffen mit Vorträgen auf Doktorandenniveau. Doch das hat sich mittlerweile geändert. Immer häufiger taucht inzwischen die Frage auf, wie groß der Einfluss von NVIDIA auf den Markt für KI-Chips und die entsprechende Software wirklich ist.
Dass NVIDIA mittlerweile eine monopolartige Stellung auf dem Markt für Superchips erreicht haben könnte, ist beispielsweise eine Sorge der Europäischen Kommission. Digitalkommissarin Margrethe Vestager hat sich bereits intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt.
Fest steht: Der Erfolg von NVIDIA ist untrennbar mit dem Fortschritt der künstlichen Intelligenz verbunden. Zwar sind die Entwicklungen der letzten beiden Jahre beeindruckend, doch sollte die Zukunftstechnologie die hohen Erwartungen doch nicht erfüllen können, wird das für den Chip-Giganten empfindliche Konsequenzen haben: Der Bau von Rechenzentren wird zurückgehen und mit ihm die Nachfrage nach NVIDIA-Chips.
Seit einigen Wochen mehren sich überdies noch Stimmen, die vor einer Blase auf dem KI-Markt warnen. Von einer möglichen Blasenbildung im Bereich der künstlichen Intelligenz ist die Rede. Aber noch gibt es auch etliche Experten, die diese Befürchtungen ganz und gar nicht teilen und fest davon überzeugt sind, dass der KI-Trend keine Blase sein kann.
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