Die Causa Wirecard: Chronologie des Börsen-Skandals

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Chronologie der Causa Wirecard
Chronologie der Causa Wirecard

Wer in den letzten Monaten auch nur ansatzweise die Berichterstattung rund um die Börse verfolgt hat, der hat garantiert das Geschehen um das einstige deutsche Vorzeige-Unternehmen Wirecard mitbekommen. Und selbst wenn nicht: Längst haben auch konventionelle Medien das Thema aufgegriffen, immerhin dürfte es sich um den größten Börsenskandal des Jahrzehnts handeln.

Wirecard, ein Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München, stellte nach einer jahrelangen Fehde mit der Financial Times, Shortsellern und Aufsichtsbehörden am 25. Juni 2020 Insolvenzantrag. Aber wie konnte es so weit kommen und wie konnte sich ein namhafter DAX-Konzern zum Insolvenzfall gigantischen Ausmaßes entwickeln?

Unsere Redaktion hat die Ereignisse seit dem ersten Vorwurf des Journalisten Dan McCrum von der Financial Times bis heute genau rekonstruiert. So erhalten Sie einen Einblick in die zahlreichen Fehler, die Anleger, Aufsichtsbehörden und Manager über Jahre hinweg begangen haben. Eines ist demnach sicher: Wirecard war sicher nicht der letzte Skandal an der Börse.

Die entscheidenden Momente in chronologischer Reihenfolge

Anleger haben bei Wirecard rund 23 Mrd. Euro verloren. Wie es so weit kommen konnte, zeigt die folgende Chronologie des Scheiterns von Aufsichtsbehörden, Analysten und Wirtschaftsprüfern im Detail.


Die frühen Vorwürfen gegen Wirecard

24.06.2008: Bereits vor 12 Jahren wurde Wirecard das erste mal beschuldigt, seine Bilanzen zu frisieren. Die Behauptung kam nicht von irgendjemandem, sondern von einem Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) – und zwar auf der Hauptversammlung des Konzerns. Die Folge war eine juristische Schlammschlacht. Weil eine Sonderprüfung von EY (damals noch Ernst & Young) das Unternehmen entlastete und SdK-Funktionäre auf fallende Wirecard-Kurse gesetzt hatten, verlief die Anschuldigung im Sand. Ein Vorstandsmitglied der SdK wurde zu einer Haftstrafe verurteilt.

27.04.2015: Der englische Journalist Dan McCrum veröffentlicht in der Financial Times den Artikel „The House of Wirecard“. In diesem Artikel wirft der Journalist dem zum damaligen Zeitpunkt mit rund 5 Mrd. Euro bewerteten Unternehmen Bilanzmanipulation vor. Die Geschäftszahlen seien frisiert, Konten würden nicht existieren und die Margen des Konzerns seien unrealistisch hoch für die Branche.

24.02.2016: Das bis dahin völlig unbekannte Research-Unternehmen Zatarra beschuldigte Wirecard, seine Bilanzen zu manipulieren. Weil das Unternehmen später zugeben musste, eine nicht unerhebliche Leerverkaufs-Position auf Wirecard eingegangen zu sein, verliefen auch diese Vorwürfe zunächst im Sand und wurden nicht weiter verfolgt.

2018 / 2019: Sowohl 2018, als auch 2019 hatte sich Wirecard nach Insider-Informationen der Bayerischen Landesbank (BayernLB) bei der BayernLB um einen Kredit beworben. Weil die Banker das Geschäftsmodell des Konzerns einfach nicht verstehen konnten, lehnten sie den Kredit ab. Zwei mal meldeten sie den Fall sogar der Financial Intelligence Unit des Zolls wegen Verdachts der Geldwäsche. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) gewährte Wirecard schließlich ein Darlehen in dreistelliger Millionenhöhe.

30.01.2019: Nachdem die Anschuldigungen von Journalisten und Shortsellern gegenüber Wirecard nicht abreißen, untersucht schließlich auch die deutsche Bankenaufsicht BaFin den Fall. Wirecard kann sich nicht endgültig von den Vorwürfen der Bilanzmanipulation freisprechen. Noch ahnt niemand, welche Schlammschlacht Wirecard mit der Financial Times nur wenige Tage später beginnen sollte.

Dan McCrum & FT: Vernichtende Anschuldigungen

07.02.2019: Dan McCrum von der Financial Times veröffentlicht den vernichtenden Artikel „Wirecard: Inside an Accounting Scandal“. Im Bericht beschuldigt der Journalist die Konzernführung von Wirecard, die Bilanzen seit längerem aufzublähen und zu manipulieren. Zahlreiche illegale Vorgänge in Hongkong und Singapur werden skizziert. Der Bericht wird in den weltweiten Medien aufgenommen.

08.02.2019: In Singapur durchsuchen Polizei, Staatsanwaltschaft und Finanzbehörden die Büros von Wirecard. Die Ermittlungen in Singapur dauern bis heute noch an. Die Vorwürfe lauten Bilanzmanipulation und Veruntreuung.

18.02.2019: Obwohl bereits Ermittlungen seitens der BaFin gegen Wirecard laufen, verhängt die Aufsichtsbehörde ein Leerverkaufsverbot für die Aktie. Die Titel von Wirecard dürfe damit nicht mehr geshortet werden. Gleichzeitig wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft München I gegen Dan McCrum und andere Journalisten der Financial Times wegen Verstößen gegen das Wertpapierhandelsgesetz ermittelt.

17.04.2019: Die BaFin erstattet offiziell Anzeige gegen mehrere Journalisten und Mitarbeiter der Financial Times. Die BaFin vermutet, die entsprechenden Personen könnten sich der Kursmanipulation strafbar gemacht haben. Im Anschluss daran verstummen die kritischen Berichte für rund sechs Monate.

21.10.2019: Wirecard will endlich Ruhe schaffen und beauftragt die Wirtschaftsprüfer von KPMG (eine der großen vier Wirtschaftsprüfungsgesellschaften) mit einer Sonderprüfung. Die Prüfer sollen die letzten Bilanzen von Wirecard auf eventuelle Ungereimtheiten untersuchen und somit den Anschuldigungen ein für alle mal ein Ende setzen.

28.04.2020: Nach mehreren Verschiebungen des Termins wird der Prüfbericht von KPMG endlich vorgestellt. Statt einem Kursfeuerwerk gibt es jedoch heftige Kursverluste: Die Prüfer von KPMG beklagen eine eher zögerliche Mitwirkung des Wirecard-Vorstands und können auf Grund nichtvorliegender Saldenbestätigungen aus dem Asien-Geschäft von Wirecard kein abschließendes Prüfurteil fällen. Die Wirecard-Führung beschwichtigt und kann die Lage an der Börse vorerst beruhigen.

26.05.2020: Eigentlich sollte Wirecard heute den Jahresabschluss für 2019 präsentieren. Der Wirtschaftsprüfer EY, der die Jahresabschlüsse des Konzerns bereits seit mehreren Jahren prüft, hat noch nicht alle nötigen Prüfungshandlungen durchführen können.

18.06.2020: Der Tag der Entscheidung für Wirecard

18.06.2020: An diesem Tag soll der Jahresabschluss für 2019 veröffentlicht werden, nachdem dieser mehrere male verschoben werden musste und daher bereits ein Bußgeld von der Börsenaufsicht gegen Wirecard verhängt worden war. Laut Ankündigung der Investor-Relations-Abteilung von Wirecard soll der Jahresabschluss, geprüft von EY, noch am Vormittag vorliegen.

Die folgenden Geschehnisse am 18.06.2020 werden mit minutengenauen Zeitstempeln dargestellt:

10:43 Uhr: Wirecard veröffentlicht eine AdHoc-Meldung, mit dem Inhalt, der Jahresabschluss müsse auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Über 1,9 Mrd. Euro konnten keine Prüfnachweise erbracht werden. Der Vorstand von Wirecard informiert noch in der AdHoc-Mitteilung darüber, dass bei Fehlen eines testierten Jahresabschlusses bis zum 19.06.2020 (also nur einen Tag später) Kredite in Höhe von 2 Mrd. Euro gekündigt werden können.

Der Kurs der Aktie brach schlagartig ein. Innerhalb von Minuten wurden mehrere Mrd. Euro an Marktkapitalisierung vernichtet:

  • 10:42 Uhr: 104 € (eine Minute vor der Veröffentlichung der AdHoc-Meldung)
  • 10:51 Uhr: 75 €
  • 10:54 Uhr: 66 €
  • 11:24 Uhr: 55 €
  • 14:20 Uhr: 38 €
  • 15:47 Uhr: 30 €
Wirecard Aktie: 6 Monate Chart
Wirecard Aktie: 6 Monate Chart

Nach einem katastrophalen Börsentag schließt die Wirecard-Aktie bei rund 38 € mit einem Minus von rund 60 %. Der Vorstand der Wirecard AG veröffentlicht ein Video von einer Pressekonferenz, bei der das neue Vorstandsmitglied James Freis Jr. vorgestellt wird. James Freis sollte im Konzern für Compliance und Geldwäscheprävention verantwortlich sein.

19.06.2020: Der Vorstandsvorsitzende von Wirecard, der Österreicher Markus Braun, tritt als CEO zurück. Sein Nachfolger wird übergangsweise der erst kürzlich ins Unternehmen geholte Manager James Freis. Der Aktienkurs schwankt an diesem Tag zwischen 20 und 30 €. Am Ende des Handelstages steht ein erneuter Tagesverlust von rund 40 % fest.

22.06.2020: Markus Braun stellt sich der Staatsanwaltschaft München und kommt in Untersuchungshaft.

23.06.2020: Markus Braun wird vorerst aus der Untersuchungshaft entlassen. Bei ihm bestehe keine Verdunklungsgefahr. Die Kautionssumme belief sich auf stolze 5 Millionen Euro.

24.06.2020: Der für das Asiengeschäft zuständige Vorstand Jan Marsalek ist auf der Flucht. Berichten zufolge soll er sich auf den Philippinen aufhalten. Das Asiengeschäft von Wirecard war ausschlaggebend für das Fehlen der Buchungsnachweise der 1,9 Mrd. Euro. Dieses Geld sei bei den Treuhändern der Wirecard AG niemals eingegangen.

Insolvenzantrag, Kurssturz und Anschuldigungen

25.06.2020: Die Wirecard AG stellt offiziell Insolvenzantrag. Dieser Insolvenzantrag umfasst formal nur die Muttergesellschaft. Die Wirecard Bank, sowie zahlreiche Tochterfirmen bleiben vorerst am Markt und arbeiten weiter. Bereits an diesem Tag gibt es Gerüchte über potentiell interessierte Käufer der Wirecard Bank. Der Kurs der Wirecard Aktie liegt nur noch bei 2,50 €.

27.06.2020: Die ersten Anschuldigungen gegen Aufsichtsbehörden und staatliche Stellen werden laut. Die für die Bilanzprüfung zuständige DPR (Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung) hatte nur einen einzigen Mitarbeiter damit beauftragt, die Bilanzen der Wirecard AG nochmals unter die Lupe zu nehmen.

30.06.2020: Der Wirecard-Aktienkurs steht bei rund 6 €. Die Zocker haben nun den Kurs fest in der Hand und spekulieren auf schnelle Profite mit kurzer Haltedauer. Zum Teil erreicht der Aktienkurs 9 €, bricht jedoch wenige Minuten später wieder ein. Trotz des Insolvenzantrags und einer nur noch lächerlich geringen Marktkapitalisierung bleibt Wirecard vorerst im DAX – die Regeln der Deutschen Börse schreiben es so vor.

17.07.2020: Als Reaktion auf die Insolvenz von Wirecard will die Deutsche Börse, die die Indizes DAX, TecDax und Co. konzipiert, ihre Regeln ändern. Künftig sollen Unternehmen, die in die Insolvenz gerutscht sind, zeitnah aus den Indizes entfernt werden können. Als Favoriten für den DAX, die den Platz von Wirecard einnehmen könnten, gelten der Duft- und Aromastoffhersteller Symrise und das Lieferservice-Unternehmen Delivery Hero.

22.07.2020: Der ehemalige Manager Markus Braun, sowie zwei weitere ehemalige Vorstände von Wirecard, sitzen erneut in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe lauten dieses mal Marktmanipulation, Betrug und Bilanzfälschung.

24.07.2020: Der Kurs der Wirecard Aktie ist mittlerweile auf knapp über 1,50 € gefallen. Das Handelsvolumen der Aktie beträgt nur noch rund ein Fünftel des 3-Monats-Durchschnitts.

Wirecard-Skandal: Das war es (noch lange nicht)

Auch wenn wir es gerne hätten: Der Wirecard-Skandal wird sicher nicht der letzte Börsenskandal der Geschichte gewesen sein. Neben Enron, ZZZZ Best oder FlowTex nimmt Wirecard nur einen Platz von vielen ein. Umso wichtiger sind die Lehren, die Anleger daraus ziehen können: Diversifikation ist alles!

Bei Wirecard gab es lange Zeit warnende Nachrichten. Das Unternehmen schaffte es über Jahre hinweg nicht, die negative Berichterstattung zu beenden. Viele Anleger wurden gierig, investieren großen Summen und verloren viel Geld. Zu den Gewinnern gehört, wer seine Lehren aus der Causa Wirecard zieht und künftig den ein oder anderen Fehler weniger macht.

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