Corona brachte die Privatanleger an die Börse – und sie werden bleiben

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Retail Investoren an der Börse
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Mitte März 2020 war eine der schlimmsten Wochen für viele Anleger an der Börse. Entweder weil man massiv over-leveraged in den Crash gefallen ist oder weil man am Tiefpunkt Puts auf wichtige Indizes gekauft hat. Wer kurzfristig handeln wollte, konnte sich schnell die Finger verbrennen – wer langfristig investiert war, hat den Crash spätestens jetzt blendend überlebt und ist auf Jahressicht wieder massiv im plus.

Der Hype um die günstigen Kaufgelegenheiten im Corona-Tief hat jedoch eine gänzlich neue Art Anleger an die Börse gebracht: Den jungen Retail-Trader / Retail-Investor, der einen Neo-Broker als Depotanbieter nutzt und seine Informationen in sozialen Netzwerken aufschnappt. Diese Art Privatanleger tätigt viele Transaktionen in kurzer Zeit, es werden Aktien statt Unternehmen gekauft. Anleihen und ETFs werden links liegen gelassen, es werden KGVs im vierstelligen Bereich mutwillig in Kauf genommen.

Diese Sorte Anleger ist neu an der Börse und verdankt ihre Kapitalkraft dem US-amerikanischen Helikoptergeld. Auch wenn viele institutionelle Anleger und erfahrene Investoren es vielleicht nicht wahr haben wollen: Ein großer Teil der Retail Anleger wird lange an der Börse bleiben und einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entwicklungen am Kapitalmarkt haben. In diesem Beitrag zeigen wir, wer diese neuen Privatanleger sind und was Anleger über sie wissen müssen.

Der Anteil an Privatanlegern nimmt global zu

Für Value Investoren ist der Anteil der Freefloat-Aktien, die sich in Händen von institutionellen Anlegern befinden, ein Indikator dafür, wie sicher ein Investment sein kann, bzw. wie gering die Volatilität sein wird. Dieser Anteil ist bei „langweiligen“ Aktien zwar tendenziell höher – aber im Gesamtmarkt dürfte der Anteil künftig fallen. Das hängt mit der Flut an Privatanlegern zusammen.

Vor der Corona-Krise bestimmten institutionelle Anleger das Geschehen an der Börse. Rund 85 % der weltweiten Aktien befanden sich im Besitz professioneller Eigner. Im Februar 2021, knapp ein Jahr nach dem Drop im März 2020, hat sich der Anteil der Aktien, die von „Retail Investoren“, also Privatanlegern, gehalten werden, auf stolze 30 % mehr als verdoppelt.

Die Auswirkungen von Reddit, Quantitative Easing & Co.

Der Gamestop-Hype um eine Gruppe von anonymen Reddit-Tradern hat die Börsenwelt global verunsichert und zu Verwerfungen auf dem Finanzmarkt geführt. Als unmittelbare Folge daraus haben auch institutionelle Anleger zunehmen auf Hype-Aktien gesetzt. Die Pleite von Archegos Capital, einem massiv gehebelten Hedgefonds, war letztendlich nur der letzte Dominostein in einer Reihe einzigartiger Entwicklungen.

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Die Stimulus-Pakete in Form von Helikoptergeld in den USA wurden von einer bestimmten Schicht am Kapitalmarkt direkt in Aktien investiert. Das führte zu einer Verdopplung des Handelsvolumens auf Jahressicht 2020 – die Aktien wurden schnell gekauft und wieder verkauft. Wie viele Trader davon zu langfristigen Anlegern werden, muss die Zukunft erst noch zeigen.

Wie gut schlagen sich die neuen Privatanleger?

Der massive Anstieg von Tech-Aktien im vergangenen Jahr hat dazu geführt, dass Privatanleger die klassischen Hedgefonds und andere institutionelle Anleger massiv outperformen konnten. Die Folge war ein krasses Missverhältnis zwischen Value- und Growth-Aktien. Langfristig performen beide Aktientypen in etwa ähnlich gut – die Erholung der Value-Aktien war jedoch überfällig.

In der Folge haben Privatanleger im Februar 2021 im Durchschnitt 11 % hinter der Rendite des S&P 500. Mittlerweile dürfte die Underperformance der Retail Investoren nochmals deutlich höher ausfallen. Bereits im September des letzten Jahres haben Privatanleger in Hype-Aktien rund 14 % verloren, als die Sektor-Rotation begann. Anleger mit massiven Verlusten ziehen sich dann mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder gänzlich vom Markt zurück.

Dass dies nur auf einen Teil der jungen und neuen Anleger an der Börse zutrifft, lässt sich an einer anderen Metrik erkennen: Rund die Hälfte aller Aktien werden mittlerweile im außerbörslichen Direkthandel gehandelt. Weil viele Trader sogenannte Neo-Broker nutzen, die vor allem in den USA im Direkthandel aktiv sind, kann vermutet werden, dass der Anteil an Retail Investoren noch immer ausgesprochen hoch ist.

Über die tatsächlichen Ausmaße des Handelsvolumens bei jungen Privatanlegern gibt es verschiedene Quellen und Statistiken. Im Großen und Ganzen dürfte der Anteil an Aktien, die seit März 2020 von Retail-Anlegern gehandelt wurden, zwischen 20 und 50 % liegen. Spätestens mit der nächsten überproportionalen Korrektur oder einem weiteren Abflachen der Volatilität dürfte sich dieser Anteil aber spürbar verringern.

Fazit: Die Retail Investoren werden zu Teilen bleiben

Egal ob Hype-Aktien oder „gewöhnliche“ Tech-Aktien: Retail-Anleger haben eine klare Präferenz zugunsten moderner und innovativer Aktien. Klassische Value-Titel aus Branchen wie Öl, Tabak oder Versorgung befinden sich nach wie vor überwiegend in der Hand langfristiger Anleger oder institutioneller Eigner. Die Sektorrotation dürfte einem Teil der Anleger, die nach wie vor an ihren Growth-Aktien festhalten, mittelfristig eine Underperformance gegenüber dem Markt bescheren.

Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Börse wieder in den Vor-Corona-Zustand zurückkehrt, eher gering. Die Demokratisierung des Kapitalmarkts durch Robin Hood, Trade Republic & Co. ist kaum zu leugnen. Aktien zu kaufen war nie einfacher und nie günstiger als heute. Zwar haben Probleme rund um den Handel mit Gamestop-Aktien zur Peak-Time gezeigt, dass die günstigen Neo-Broker auch ihre Probleme haben – das dürfte in einigen Monaten aber wieder vergessen sein.

Für Anleger bedeutet das: Reddit, Facebook, YouTube und vergleichbare Informationsquellen, so unzuverlässig sie auch sein mögen, dürften künftig weiter an Bedeutung gewinnen. Die von Retail-Tradern gehandelten Aktien werden in Phasen eine massive Outperformance und Underperformance erzielen. Wer langfristig Vermögen aufbauen möchte, bleibt aber seiner Strategie treu: Qualitativ hochwertige Aktien mit langem Anlagehorizont aus Gewinner-Branchen kaufen.

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