Analyse: Wie schlimm steht es um die Erdöl-Industrie wirklich?

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Analyse der Erdöl-Branche
Analyse der Erdöl-Branche

Die Aktien von Ölkonzernen werden gerne in Dividendendepots gelegt. Der Grund dafür ist einfach: Passt der Ölpreis, kann man hier mit guten und stabilen Dividenden rechnen. Das gesamte Geschäftsmodell ist jedoch stark abhängig vom Ölpreis – und der ist ein Politikum. Die letzten Monate haben nicht gerade zu einer Stabilisation des Ölpreises beigetragen.

Die Ölindustrie in der westlichen Welt wird maßgeblich von einigen wenigen Large-Cap Konzernen beherrscht. Dazu gehören vor allem Royal Dutch Shell (Niederlande / Großbritannien), British Petroleum (Großbritannien), Chevron und Exxon Mobil (beide USA). Auf dem globalen Ölmarkt spielen daneben noch der russische Konzern Gazprom, das saudische Staatsunternehmen SaudiAramco und PetroChina aus China eine wichtige Rolle.

Weil viele Unternehmen einen höheren als den derzeitigen Ölpreis für eine profitable Förderung benötigen, gerät die gesamte Branche unter Druck. Die Dividenden werden gestrichen, die Kurse sacken ab. In diesem Beitrag zeigt die Redaktion im Detail, wie schlimm es um die globale Ölindustrie wirklich steht – und ob sich ein Investment lohnt.

Die 5-Jahres-Performance von Öl-Aktien

Der Erdölsektor hat vor allem unter der Corona-Pandemie stark gelitten. Die globale Wirtschaft kam zum Erliegen, sodass kaum noch fossile Brennstoffe und Erdöl gebraucht wurde. Die Lagerstände der Industrienationen gerieten ans Limit, was am 20. April 2020 zu einem negativen Preis für Öl-Futures führte – ein bis dahin einmaliges Ereignis.

Wer zum Tiefststand Mitte März Öl-Aktien gekauft hat, freut sich noch heute über gute Kursgewinne. Diese scheinen aber aktuell gedeckelt zu sein. Die wichtigsten Aktien der Ölfirmen gehen bereits wieder auf Tauchstation. Die Angst vor einem erneuten Erstarken von Covid-19 und einer damit einhergehenden Vollbremsung der Wirtschaft sorgt für Verkaufsstimmung an der Börse.

Auf eine Sicht von fünf Jahren schnitten alle vier großen Ölkonzerne bedeutend schlechter ab als der Markt. Während sich der US-Gigant Chevron noch am besten hält mit einer Performance von mageren 0,85% sind es beim Dividendenliebling Shell stolze 50 %, die Aktionäre als Verlust verbuchen mussten. Betrachtet man die einzelnen Titel genauer, überrascht dies nicht weiter.

Royal Dutch Shell: Verwöhnte Aktionäre mit Dividende

Der niederländisch-britische Konzern Royal Dutch Shell (kurz einfach nur „Shell“ genannt) gehört zu den größten Ölproduzenten der Welt. Nicht nur die Förderung von Rohöl, sondern auch die Verarbeitung und der Verkauf an den Endkunden über ein Tankstellennetz gehören zum Geschäftsmodell des Konzerns. Der Kurs von Shell bewegt sich seit Jahren seitwärts und ging durch Corona endgültig auf Tauchstation.

Mit einem Umsatz von rund 350 Mrd. US-Dollar pro Jahr gehört Shell zu den Großen, ist nach Umsatz sogar der größte börsennotierte Ölförderer der westlichen Welt. Aktionäre haben Shell immer gerne gekauft, weil der Konzern als zuverlässiger Dividendenzahler bekannt war. Das änderte sich 2020, als die Dividende zum ersten mal seit dem 2. Weltkrieg gesenkt wurde.

Chevron: Kleiner Konzern mit guten Bilanzen

Von allen großen Ölaktien ist Chevron der kleinste Förderer mit einem Jahresumsatz von rund 150 Mrd. US-Dollar und damit nach Umsatz weniger als halb so groß wie Shell. Die größte Stärke von Chevron liegt in der geringen Schuldenquote – diese wurde über die letzten Jahre hinweg kontinuierlich abgebaut und liegt aktuell nur noch bei rund 40 %.

Auch bei Chevron erhalten Aktionäre eine gute Dividende. Beim aktuellen Kurs ergibt sich eine Dividendenrendite von rund 5,3 %. Diese dürfte sich auf Grund der horrenden Ausschüttungsquote aktuell nicht halten lassen. Aktionäre können bei Chevron aber wenigstens auf eine solide Kursentwicklung blicken. Wenn es zwingend eine Ölaktie sein soll, dann ist Chevron in jedem Falle zu bevorzugen.

Exxon Mobil: Viele Chancen, aber auch Risiken

Mit einem jährlichen Umsatz von knapp 280 Mrd. US-Dollar gehört Exxon Mobil zu den größten und bekanntesten Ölförderern am Markt. Das vom legendären Unternehmer John D. Rockefeller gegründete Unternehmen hat in den letzten Jahren zwar auch seine Schuldenquote reduziert, diese liegt jedoch bei fast 50 %. Entsprechend hart wurde der Konzern von der Coronakrise Anfang des Jahres getroffen.

Charttechnisch ergibt sich bei Exxon ein gemischtes Bild. Zwar konnte der Kurs zwischen 2000 und 2016 rund 250 % zulegen – der Absturz auf das Niveau von 2000 erfolgte jedoch erst langsam, dann in der Coronakrise ganz plötzlich. Langfristig dürfte Exxon gute Perspektiven für Anleger bieten, kurz- bis mittelfristig dürften aber im Erdölgeschäft eher harte Zeiten anbrechen. Das verkraften hoch verschuldete Unternehmen eher weniger gut.

BP / British Petroleum: Der langsame Tod auf Raten

Während andere Ölkonzerne erst durch die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise in die Knie gezwungen wurden, kann man den schon lange andauernden Niedergang von BP bereits am Chartbild erkennen. Seit dem Jahr 2000 hat die Aktie rund 60 % abgegeben. Erholungsphasen gab es praktisch kaum. Das Unternehmen, das bereits vor über 100 Jahren in London gegründet worden ist, kämpft heute um das Überleben.

Am Beispiel dieses Konzerns zeigt sich, wie heftig eine hohe Verschuldung ein Unternehmen in Krisenzeiten treffen kann. Mit einer Verschuldungsquote von rund 66 % (Tendenz steigend) kann BP kaum profitabel operieren. Umsatz und EBIT sind seit langem rückläufig, die Dividende macht kaum Fortschritte. Aktionäre sollten um die BP Aktie einen weiten Bogen machen – hier dürfte kaum Rendite zu holen sein.

Fazit: Durchwachsene Aussichten für die Branche

Die Erdölbranche hat ihre besten Zeiten lange hinter sich. In Zeiten von Wirtschaftskrisen, Klimawandel und ethischen Investments wird Erdöl zwar noch gebraucht – die Abhängigkeit dürfte sich jedoch weltweit langfristig verringern. Zudem geben die großen Produzenten aus Russland und den Arabischen Emiraten den Ton an – sie können deutlich günstiger Erdöl fördern.

Wer als Aktionär unbedingt in diese Branche investieren möchte, der setzt am besten auf Chevron. Das Unternehmen verfügt über eine solide Bilanz, eine hohe Eigenkapitalquote und gute Aussichten. Die geringere Größe hilft dem Konzern dabei, auf Veränderungen am Markt schnell und effizient reagieren zu können. Eine Gewinnerbranche dürfte der Ölsektor aber auf absehbare Zeit nicht mehr werden.

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